Was macht Seßlach so sympathisch?

Hattersdorfer Tor Normalerweise ist es kein gutes Zeichen, wenn man vor verschlossenen Türen steht. In Seßlach ist es jedoch anders. Wenn hier von Samstag Nachmittag bis Sonntag Abend die Stadttore verschlossen sind, dann kann sich der Besucher darauf freuen, die Stadt ohne störenden Autoverkehr genießen zu können. Lediglich die Bewohner der Altstadt und Notdienste können durch das Rothenberger Tor hereinfahren. Die anderen Tore bieten Fußgängern ungehinderten Zugang durch das sogenannte "Nadelöhr", einer Schlupftür im massiven Holzbalkentor. Fahrrad- und Rollstuhlfahrer finden Zufahrten neben dem Hattersdorfer Tor, neben der alten Schule vom oberen Zwinger her und natürlich durch das Rothenberger Tor. Vor den Stadtmauern befinden sich ausreichend Parkplätze für PKW und auch Reisebusse.

Die kurze Rast auf einer Bierbank vor einem der gastlichen Wirtshäuser wird nicht durch Abgasschwaden und Motorenlärm gestört. Beim Fotografieren kann man sich auch auf der Straße die beste Position suchen und das Motiv in den rechten Rahmen rücken und von der Straßenmitte aus wirken die malerischen Fachwerkhäuser auf beide Straßenseiten noch einmal so schön. Es war ein mutiger Schritt, als der Stadtrat diese Wochenendsperre beschloss, da niemand wusste, wie die Besucher der Stadt darauf reagieren würden, aber die Resonanz ist überwiegend positiv und es kommt der Altstadt zugute.

Wie soll man am besten beschreiben, wie man Seßlach erleben kann? Nicht das Seßlach, das sich für das Altstadtfest und andere Feierlichkeiten herausputzt, sondern das Seßlach, wie man es alle Tag erleben kann. Am besten ich schreibe über einen Besuch, wie ich ihn mit einer Gruppe aus Hof vor einigen Jahren erlebt habe:

An einem sonnigen Septembermorgen erreichten wir das mittelalterliche Städtchen. Wie über das Tourismusbüro vereinbart, begann unser Besuch mit der Besichtigung des Heimatmuseums. Die Erklärungen von Frau Brunner brachte uns in informativer und humorvoller Weise die Geschichte dieses schönen Fleckchens Erde nahe. Nachdem Frau Brunner es eilig hatte, Besuch aus England vom Bahnhof abzuholen, bekam unser Gruppenleiter kurzerhand die Museumsschlüssel, so dass wir uns Zeit lassen konnten, die sehenswerten Ausstellungsstücke eingehend zu betrachten.

Noch während wir die Schlüssel in der naheliegenden Apotheke abgaben, krachten Böller und erklang Blasmusik. Ein Ständchen für uns? - Nein, aus der Stadtpfarrkirche trat ein Brautpaar, das von den Musikern der Stadtkapelle erwartet wurde. So wurden wir auf unserem Weg durch die Pfarrgasse zum Brauhaus von flotten Musikklängen begleitet.

Am Fuße des leider verwaisten Storchennestes erwartete uns schon der Haas Emil, um uns seine Wirkungsstätte zu zeigen. Verwöhnt von Besichtigungen großer Braustätten, waren wir doch überrascht, auf kleinstem Raum alle Bestandteile einer Brauerei wiederzufinden und konnten uns durch einem kräftigen Schluck Jungbier vom Erfolg des Kommunbrauhauses überzeugen, wo die über 650-jährige Brautradition hochgehalten wird.

Nach einem reichlichen Mittagessen, zu dem das Seßlacher Bier natürlich auch nicht fehlen durfte, konnten wir unseren Stadtrundgang mit Besteigung der Tortürme, fortsetzen. Besonders vom Hattersdorfer Turm hatte man einen schönen Ausblick. Die Form der Turmhaube, die an einen umgedrehten Schiffsrumpf erinnert, weckte unser besonderes Interesse. Für die Kinder war natürlich der Rothenberger Torturm interessanter, da er als Gefängnis genutzt wurde und ein Plumpsklo hat(te).

Entlang der Stadtmauer kamen wir zur Schmiede, wo kurz vorher noch Pferde beschlagen wurden. In der Esse brannte noch Feuer. Gerne hätten wir Herrn Eideloth bei seiner Arbeit zugesehen, aber so konnten wir wenigstens einen Blick in die Werkstatt werfen, erhielten fachmännische Auskunft über die lange Geschichte der Seßlacher Schmiede und zur Freude der Kinder durften diese sich ein altes Hufeisen als Glücksbringer mitnehmen.

Für einen Besuch des Holzbildhauers reichte die Zeit leider nicht mehr, denn wir wollten noch die Basilika in Vierzehnheiligen sehen, die seit Jahren der Renovierung nun wieder ohne Baugerüste im Innenraum zu sehen war.

So verabschiedeten wir uns von Seßlach, erfreut über die freundliche Aufnahme als Gäste und in der Gewissheit wiederzukommen, denn ein Vormittag reicht einfach nicht aus, alle Winkel zu erkunden. Besonders gefiel uns, dass in Seßlachs Mauern noch altes Handwerk lebendig ist, angefangen von Metzger, Bäcker und Brauer, die für das leibliche Wohl sorgen, bis hin zu Schmied, Schuster, Kürschner und Holzbildhauer. Inzwischen bietet auch der Handwerkerhof Traditionelles und Kurioses zum Verkauf an.

Mittlerweile hat eine Wandergruppe des Fichtelgebirgsvereins aus Hof, Seßlach erneut einen Besuch abgestattet. Wer sonst noch privat den Weg nach Seßlach zurückgefunden hat, kann ich leider nicht sagen.

Wir haben jedenfalls verstanden, dass trotz verschlossener Tore, Seßlachs Türen für Gäste offen stehen.


© 2000 Herbert Pachsteffl · www.stadt-sesslach.de